Montag, 26. September 2011

Banden-Bildung

Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich in Österreich Justiz-Energie fließt. Man erinnert sich noch mit Grausen an das Hornberger Schießen in Wiener Neustadt. Monatelang wurde vorgeführt, dass man mit robuster staatlicher Gewalt ein Häuflein Wehrloser zu schikanieren bereit ist.

Beweise? Wozu denn? Immerhin hatte man es ja mit einer „kriminellen Vereinigung“ zu tun. Als die Sache dann an
ihr blamables Ende gekommen war, blieb buchstäblich nichts – außer jenen Kosten, an denen die zu Unrecht Beschuldigten die nächsten Jahrzehnte kiefeln werden.

Ganz anders läuft der Justiz-Hase, wenn eine Gruppe von Großverdienern den Börsenkurs eines der größten Konzerne des Landes manipuliert. Da werden in erster Linie einmal Bedenken laut: Ja, war denn das wirklich so wie der Kronzeuge behauptet? Ist dem Mann überhaupt zu trauen oder kocht er nur sein billiges Rachesüppchen? Kurz: Man muss das Ganze in aller Ruhe prüfen…

Die Leutchen aus der Tierschützer-Szene (siehe Justizgroteske Wr. Neustadt) saßen monatelang in U-Haft. Das fast schon übliche Verfahren in Österreich, mit „Namenlosen“ oder besonders Verhaßten (Elsner) umzugehen. Die Abkassierer des derzeit meistdiskutierten Falles müssen ähnliche Verwahrung schon deswegen nicht fürchten, weil sie einfach viel zu prominent sind und man seitens der Justiz damit rechnen darf, dass eine Armada von Anwälten auffährt, um jeden einzelnen der großartigen Manager herauszupauken.

Nicht von ungefähr hat Bertolt Brecht empfohlen, besser eine Bank zu gründen als eine zu überfallen. Banden-Bildung scheint sich, wie die österreichischen Skandalgeschichten (Eurofighter, Buwog, Meinl, Skylink…) des letzten Jahrzehnts nahelegen, durchaus zu lohnen.

Merkwürdig finde ich in diesem Zusammenhang immer wieder jene verschmitzten Wortmeldungen, die davor warnen, alles für bare Münze zu nehmen, was die Medien berichten. Inzwischen muss man sagen: Selbst wenn nur zehn Prozent dessen stimmen, was man über Grasser, Strasser, Telekom und Konsorten liest, warten wir ungeduldig auf jene zehn Prozent Verhaftungen und Verfahren, die es nicht
einmal im Ansatz gibt.

Dietmar Dworschak

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