Dienstag, 31. Januar 2012

Urlaubs-Kaiser

„Wir sind Kaiser“ dürfen wir Österreicher zu Recht behaupten, wenn es ums Thema Urlaub geht. Mit 5 Wochen Kollektivvertrags-Chillen plus 12 (in Worten: zwölf!!!) Feiertagen schafft es der durchschnittliche einheimische Werktätige, seinem Arbeitsplatz knapp siebeneinhalb Wochen fern zu sein. Bezahlt wird er, kaiserlich (13. und 14. Gehalt), als wäre er 60 Wochen in der Hacke.


Es ist geradezu rührend, wie Bundeskanzler und Vizekanzler noch vor Jahreswende „an einem geheimen Ort“ zusammentrafen, um ihre Zinnsoldaten auszupacken. Das herzige Gefecht, das sie auf dem Filzbelag eines Hoteltisches austrugen, stand unter dem Motto
„Je mehr Steuern du erfindest umso mehr Einsparungen hau ich dir um die Ohren“.
Wie schön wäre es doch gewesen, hätte Onkel Tassilo mit seinem „Sparefroh“ dabei sein können. Er und seine Giebelkreuzer hatten uns kleinen Schülern immer gerne erklärt, dass der Weg ins Paradies über die prall gefüllte Sparbüchse führt. Eine Botschaft, die in vielen Jahren sozialdemokratischen Regierens aus den Schulen und aus dem Sinn verschwunden ist.

Kalender 2012
Hätten die beiden Geheimverhandler den Kalender 2012 zu Rate gezogen und Seite 25 des „Format“ (50/2011) gelesen, wäre ihnen klar jenes Einsparungspotential vor Augen gestanden, das sämtliche Einsparungskleckereien in den ewigen Schatten stellt: Österreichs Feiertage.
Die Griechen, dem Ausruhen unter dem Olivenbaum traditionell sehr zugetan, machen seltener feiertagsblau als wir! Der Italiener, dem gerade hierzulande kein besonders inniges Verhältnis zur Arbeit nachgesagt wird, schaut neidvoll in Richtung Alpen, wo man es in Sachen Feiertagen krachen lässt wie in keinem anderen Staat der Welt! Wir sind nicht nur Kaiser, wir sind Weltmeister! Jedenfalls im Nicht-Arbeiten.

Einheitsfront rot/purpur
Hätte Onkel Tassilo den beiden „Geheimverhandlern“ und Verwaltern eines wuchtigen Budgetdefizits zuflüstern können, doch beispielsweise zwei der 12 (!!!!) Feiertage 2012 einzusparen, wäre der eine rot und der andere purpur angelaufen. Vor Faymanns geistigem Auge hätte sich der zu erwartende machtvolle Protestzug der Gewerkschaften (selbstverständlich verbunden mit einem Generalstreik) aufgebaut. Alarmstufe rot bis dunkelrot. Spindelegger, sich eilig bekreuzigend, wäre der Kardinal persönlich im unheilen Purpur der Fastenzeit erschienen, um ihm zumindest die Hölle anzudrohen. Bei unmittelbarem Vollzug. Somit wurde einvernehmlich darauf verzichtet, zwei Mal rund
zwei Milliarden Euro (= vier Milliarden Euro) einzusparen. Das muss uns das gute Verhältnis zu zwei Großorganisationen schon wert sein, denen die Mitglieder zu Tausenden davonlaufen.

O sole mio!
Was hier kleinkariert als effektive Budgetsanierungsmaßnahme vorgeschlagen wird ist gesamteuropäisch natürlich Nonsens. Niemand weiss dies besser als die Betonköpfe von Gewerkschaft und Kirche. Feiertage dienen nicht nur der geistlichen Sammlung, sie sind ein Gebot der gesamteuropäischen Solidarität!
Wer, bitteschön, füllt denn die Hotels von Jesolo und Lignano zu Christi Himmelfahrt und Fronleichnam? Na wir, die Feiertagskaiser!
Damit in den österreichischen Geschäften im Mai und Juni die Konten nicht übergehen, trägt der österreichische Werktätige, weit entfernt von seinem Arbeitsplatz, am Feiertag und am „Fenstertag“ seine Euros hinein in die italienische Ökonomie – Calzarture, Pizza und Spritz Aperol. Der Herr sei mit Euch! Grazie, buon giorno!
Wenn seine Majestät, der Feiertagskaiser, dann bereits ziemlich betrunken an einer italienischen Bar lehnt und vom unvorsichtigen Kellner gefragt wird, warum wir Nordländer eigentlich so oft frei haben, dann spielt der gute Mann mit dem Feuer. Seine Majestät, der Feiertagskaiser, wird dann grundsätzlich: „Mit jemandem, der nicht einmal fähig war, den Berlusconi daran zu hindern, den Pfingstmontag abzuschaffen, red i ned.“ Zieht eine Zigarette heraus und raucht sie sich genüsslich an. Verbot hin, Verbot her. Die Carabinieri kommen, der Barmann zahlt 3.000 Euro. Seine Majestät, der Feiertagskaiser, wankt beleidigt hinaus. „Ollas Trottln“.

Dietmar Dworschak

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Die letzten Tage…

London im Dezember: In Kensington steht vor jedem zweiten Haus ein Maserati, ein Porsche oder ein Bentley (Mulsanne!). Eine Sechzig-Quadratmeter-Wohnung kostet 600 Pfund – pro Woche. Das Abstellen des Fahrzeugs vor dem Haus wird mit 4 Pfund pro Stunde berechnet.

Alles kein Problem für die Menschen, die hier wohnen. Die meisten von ihnen lassen die Nobellimousine während der Woche umweltbewusst stehen, weil sie mit der „Tube“ in die City of London, zu ihrem Arbeitsplatz, fahren.

Vor der St. Pauls Cathedral haben sich, bei eisigen Temperaturen und Feuchtigkeit, die in die Knochen geht, Aktivisten der „Occupy the City“ in Zelten eingeigelt. „Compost capitalism“ steht auf einem der Transparente.

Die Damen und Herren aus Kensington drehen in den Büros rund um die Kathedrale, reichlich unberührt von den „Spinnern“ in ihren Zelten, weiter am ungebremsten Rad der Finanzwirtschaft. Investmentbanken wachsen, wo Europa fast die Luft ausgeht, innerhalb eines Jahres von 20 auf 140 Mitarbeiter.

Damit der Boden für diese Akteure auch ohne Kompostierung des Kapitalismus weiterhin reiche Ernte hergibt hat Englands Premierminister gerade wieder einmal „nein“ gesagt in Brüssel.

Die „City of London“ freut sich. No rules, much fun!

Am „Kontinent“ fragt man sich, wie viel Impertinenz noch kommen muss, um den Engländern mit Karl Kraus den Weg aus der EU zu weisen. „Jeder Britt….“

Dietmar Dworschak

Freitag, 25. November 2011

Illegal? Kein Problem!

Je nach Temperament starren wir gelangweilt oder gespannt auf die Groß-Sauereien Buwog, Flughafen Wien, Gebäudevermietung Linz, Meinl, Hypo Alpe Adria, Telekom…

(und ewig gilt für alle die Unschuldsvermutung).

Jede Woche sind die Magazine voll mit Auszügen aus Ermittlungs-Akten, die uns zwar wieder ein Scheibchen schlauer machen, aber das Grundbedürfnis des Bürgers nach einer Antwort der Justiz nicht wirklich befriedigen.

Anklage(n)? Fehlanzeige.

Und dann denkt man sich als kleiner Wuzzel, dass es schön sein müsste, dem realen Verbrechen einmal in Echtzeit zu begegnen.

Nichts einfacher als das: Man suche in Wien ein Geschäftslokal.

Man blättert im Internet, man liest in der Zeitung.

Die meisten Angebote verheimlichen, dass es neben den nackten Miet- und Betriebskosten – ein uralter Wiener Brauch – die so genannte „Ablöse“ gibt.

In der Naglergasse will einer für ein unbeheiztes Substandard-Loch 39.000 Euro.

In der Mariahilferstraße legt man es kesser an: 380.000 Euro „Ablöse“ für ein Geschäftslokal mit 40 m²!

Als meine Mitarbeiterin unbeirrt die Maklerin fragt, welche Grundlage diese „Ablöse“ habe, sagt die Maklerin allen Ernstes: „An sich ist die Ablöse ja illegal. Deshalb haben wir ins Angebot geschrieben, dass der Vermieter eine GmbH kaufen muss. Und die kostet eben

380.000 Euro.“

Zufällig ist die gute Frau bei einem jener Büros beschäftigt, auf die uns Österreichs investigative Journalisten wöchentlich aufmerksam machen.

Dietmar Dworschak

Montag, 7. November 2011

My ratings


Früher habe ich mir die Nächte um die Ohren geschlagen, um meinen persönlichen Eurovisions-Song-Contest-Sieger zu ermitteln. Zum Beispiel so: „Griechenland – zero points!“ Da aber „Standard & Poors“ und ähnliche Bewertungshäuser mithilfe grotesker „RATINGS” eine Riesenkohle verdienen, eröffne ich jetzt meine eigene Rating-Agentur. Hier die ersten Ergebnisse:

• Telekom-Austria-Aktie:

Ein wunderbares Papier, beispielsweise zum Einpacken von Geschenken (oder Geldbündeln). Sämtliche Altlasten (Mens- dorf-Pouilly, Hochegger, Meischi…) sind längst abgearbeitet. Millionen braver Festnetz- und A 1-Kunden haben bereits vor Jahren die manipulierten Kursgewinne für den Vorstand hereinverdient. Dadurch, dass die Telekom mittlerweile eine Sektion des Innenministeriums wurde haftet der Staat unbeschränkt für alle Risiken, die gegenwärtige und zukünftige Lobbyisten verursachen.

Rating: AAAAAA!!!

Empfehlung: massenhaft kaufen!


• Altherren-Protest (Radlegger, Voggenhuber & Co.):

Eine tolle Initiative! Gut dotierte Polit-Rentner handeln vorbildlich: sie machen sich Gedanken, schreiben Bücher und geben uns damit einen Teil ihrer hohen Staatspension auf geistigem Wege zurück. Das geplante Erdbeben ist nur deswegen verschoben, weil die vulkanischen Erdkräfte momentan bei „El Hierro“ (Kanaren) gebunden sind.

Zusätzlichen Wert gewinnt der Protest dadurch, dass André Heller dem Altherren-Radau-Club die Rechte eines seiner Lieder überschrieben hat: „Damals, damals, sagen die Leute, damals, damals war’s besser als heute…“ Neumitglied Arnold Schwarzenegger hat empfohlen, seinen Museums-Eröffnungsgast Faymann auch in den Rebellen-Verein aufzunehmen. Gewaltiges Ausbau-Potential!

Rating: AAAA+

Empfehlung: massenhaft beitreten!


• Österreichische Justiz:

Der heißeste Insider-Tipp der internationalen Entertainment-Industrie! In Hollywood arbeiten derzeit 261 Autoren an Drehbüchern über Karl Heinz Grasser, Meischi, Mensdorf-Pouilly, Strasser, Mikl- Leitner – und die österreichische Justiz. George Clooney hat sich bereits die Rechte an 40 (!)Büchern gesichert. Für die
Oscar-Gala im nächsten Jahr rechnen die Buchmacher mit mindestens 20 Auszeichnungen für „Land ohne Klage“ (Harrison Ford als Staatsanwalt, der sich vom Stephansdom stürzt), mit 15 Oscars für die Komödie „Meine Schwiegermutter und ich“ (Elfriede Ott/ Peter Fröhlich) und mit dem Auslands-Oscar für Harald Serafins Blockbuster „Machen wir doch aus einer Mücke keinen Elefanten!“

Geheime Protokolle des Nobelpreiskommitees listen die österreichischen Staatsanwälte mit großer Mehrheit auf Platz eins für den Friedensnobelpreis 2012.

Rating: AAAAAAAAAA+++

Empfehlung: bewundern!


• Occupy Wallstreet:

Die Trend-Scouts aller wichtigen Modehäuser (H&M, Zara, Cavalli, Kleiderbauer) sind aus dem Häusl: so viel Street-Chic gab es seit 1968 nicht mehr! Die Modelinien für Winter und Frühjahr
sind bereits auf „radical“, „subversive“, „Fidel“, Occ.W-Str.“ oder „1968/2011“ umgetauft. In den chinesischen Textilwerken, die die neuen Kollektionen herstellen, hat die vaterländische Armee die Aufsicht über die Produktionshallen übernommen.

Da für das Entwenden eines der revolutionären Kleidungsstücke die Todesstrafe droht, darf mit einer weiteren ruhigen Entwicklung in China gerechnet werden. In den USA werden die Protestbewegungen rund um die Wallstreet spätestens mit der massenhaften Anlieferung der neuen Revolutions-Mode abflachen. Das Outlet „Century 21“ (nahe der Wallstreet) bewirbt mit Che Guevara auf Riesenplakaten und in zahllosen TV-Spots den
Verkaufsstart der „Revolution Street Wear“ exakt zum „Thanksgiving Day“.

Rating: AAAAAAAAAAAAAAAHHH

Empfehlung: kaufen, kaufen, kaufen!


• Euro-Rettungsschirm:

Die beste Idee seit Erfindung der Banken! Der Gedanke einer Generalamnestie für betrügerische Völker und ebensolche Geldhäuser begeistert Ökonomen, Politiker und Investmentbanker. Der Chef der slowakischen Sozialisten ist, wegen seines pflichtgetreuen Abstimmungsverhaltens und der damit verbundenen Verhinderung einer Schirmreparatur für den Wirtschafts-Nobelpreis 2012 vorgesehen. Bei seinem Versuch, den Rettungsschirm löchrig zu reden und mit hämischen Bemerkungen auf der Straße die CD „I’m singin’ in the rain“ zu verteilen wurde Jean- Claude Juncker (endlich!) von Europol verhaftet. Da werden die Amerikaner noch schauen, wie sie mit ihrem Dollar im Regen stehen!

Rating: AAAAA minus

Empfehlung: aufspannen und festhalten!

Dietmar Dworschak

Montag, 26. September 2011

Banden-Bildung

Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich in Österreich Justiz-Energie fließt. Man erinnert sich noch mit Grausen an das Hornberger Schießen in Wiener Neustadt. Monatelang wurde vorgeführt, dass man mit robuster staatlicher Gewalt ein Häuflein Wehrloser zu schikanieren bereit ist.

Beweise? Wozu denn? Immerhin hatte man es ja mit einer „kriminellen Vereinigung“ zu tun. Als die Sache dann an
ihr blamables Ende gekommen war, blieb buchstäblich nichts – außer jenen Kosten, an denen die zu Unrecht Beschuldigten die nächsten Jahrzehnte kiefeln werden.

Ganz anders läuft der Justiz-Hase, wenn eine Gruppe von Großverdienern den Börsenkurs eines der größten Konzerne des Landes manipuliert. Da werden in erster Linie einmal Bedenken laut: Ja, war denn das wirklich so wie der Kronzeuge behauptet? Ist dem Mann überhaupt zu trauen oder kocht er nur sein billiges Rachesüppchen? Kurz: Man muss das Ganze in aller Ruhe prüfen…

Die Leutchen aus der Tierschützer-Szene (siehe Justizgroteske Wr. Neustadt) saßen monatelang in U-Haft. Das fast schon übliche Verfahren in Österreich, mit „Namenlosen“ oder besonders Verhaßten (Elsner) umzugehen. Die Abkassierer des derzeit meistdiskutierten Falles müssen ähnliche Verwahrung schon deswegen nicht fürchten, weil sie einfach viel zu prominent sind und man seitens der Justiz damit rechnen darf, dass eine Armada von Anwälten auffährt, um jeden einzelnen der großartigen Manager herauszupauken.

Nicht von ungefähr hat Bertolt Brecht empfohlen, besser eine Bank zu gründen als eine zu überfallen. Banden-Bildung scheint sich, wie die österreichischen Skandalgeschichten (Eurofighter, Buwog, Meinl, Skylink…) des letzten Jahrzehnts nahelegen, durchaus zu lohnen.

Merkwürdig finde ich in diesem Zusammenhang immer wieder jene verschmitzten Wortmeldungen, die davor warnen, alles für bare Münze zu nehmen, was die Medien berichten. Inzwischen muss man sagen: Selbst wenn nur zehn Prozent dessen stimmen, was man über Grasser, Strasser, Telekom und Konsorten liest, warten wir ungeduldig auf jene zehn Prozent Verhaftungen und Verfahren, die es nicht
einmal im Ansatz gibt.

Dietmar Dworschak